Irina Liebmann

Die freien Frauen

Roman

Taschenbuch

(Berliner Taschenbuch Verlag, 2006)

Textprobe:

... Erika meinte, das Bier sei zu teuer geworden, Gabi wiederum, die Leute hätten sich nichts mehr zu sagen, die seien schön stille geworden, weil sie eins auf Maul gekriegt hätten.
So rätselhaft der Ausspruch auch war, es wurde dem nicht widersprochen.
Elisabeth Schlosser zum Beispiel fühlte sich verstanden. Eins aufs Maul gekriegt! – So war es gewesen. Sie hielt den Augenblick für gekommen, von ihrem Sohn zu erzählen.
Wie er eines Tages in ihre Wohnung zurückgekehrt war und nicht mehr arbeitete, wie er begann, die Kümmelkörner von den Brötchen zu kratzen und nur diese zu essen, und dann nicht mal mehr diese Körner und gar keine Körner und wie er sie böse ansah seitdem und zuletzt noch ihr sagte, sie sei die Falsche gewesen, die Falsche.
Eine Sekunde vielleicht war es still, aber „Nein!“ riefen alle, und das klang wie ein hallendes „Naaaaiiin!“ im Cafe. Sie wolle sich doch nicht die Schuld geben?
„Loslassen!“ hörte sie die Frauen rufen, als ob sie von einem brennenden Haus in ein Sprungtuch irgendwo unten sich fallen lassen sollte, das war aber klein, dieses Rettungstuch.
„Loslassen!“

Die freien Frauen - Taschenbuch