Irina Liebmann

Mitten im Krieg

(Erzählungen, Frankfurter Verlagsanstalt, 1989)

Textprobe:

Am 27. Januar 1986 schneit es über Berlin. Der Wind treibt den Schnee hoch und runter über den Hackeschen Markt und die S-Bahn-Gleise am Bahnhof Marx-Engels-Platz. Unter den Gleisen ist ein Durchgang zur schöneren Seite Berlins, Betontunnel, darin stehen Leute aneinandergedrängt weil es so zieht und der Schnee bis hier reinweht, wo ohnehin schon alles naß ist von diesen Schuhsohlen, mit denen man hundert Meter laufen kann und hinterläßt immer noch nasse Spuren wie ein Lurch. Obenrum sehen diese Leute auch nicht besser aus, Klamotten in graugrünen Farben und keine Facon, Klumpenart, ich auch. Ich stehe ganz vorn am Eingang des Tunnels oder Ausgang, mit Blick auf Mietshäuser und durchweichte Rasenflächen, Schnee auf den Lippen, und jetzt verlischt das Licht von oben, alle Pfützen und sogar das Dreckwasser in den Strassenbahnschienen spiegeln den Himmel schwarz, dabei ist noch nicht mal Mittag und es schneit und schneit, von Nordost nach Südwest, und Straßenbahnen fahren vorbei, eine nach der anderen, die erste fährt schon mit Neonlicht unter der S-Bahn-Brücke vor, die Nummer 46, da sitzt einer drin, den kenne ich, senkt den Kopf zum Gruß.

Mitten im Krieg