Irina Liebmann

Poem für Jakob Wassermann

(Vortragszeit, 40 Minuten)

Textprobe:

Wassermann, wer war das, war er Jude?
Oder fällt dir sonst noch was ein?
Nein.
Nie gesehen, nie gehört, nichts von ihm gelesen.
Nur der Name, der Name, der Name!
WASSERMANN!
Einmal im Alten Museum, die Mauer war grade gefallen und ich
sah mir eine Ausstellung an ENTARTETE KUNST war ihr Name
im Alten Museum, im Kalten Museum, gleich Unter den Linden
es regnete draußen
drinnen die Säle voll mit Bildern, mit Menschen, die schoben sich
und ich dazwischen, von Raum zu Raum und da hör ich den Namen
WASSERMANN!
dreh mich um und sehe ein Foto schwarz-weiß an die Wand gestrahlt
WASSERMANN!
und weg wars, und was hab ich gesehen
ein ernstes Gesicht, ein Gesicht, das mir irgendwie weiß nicht,
ich weiß nicht es hat mir gefallen.


Das war im Jahr neunzig, im Jahre der Einheit der
Mauerzerschrotung
Als die ranzige Zeit, die staubige, dreckige, abgestandene Zeit
in Bewegung kam, los und los und los rannte und überschlug sich
wer konnte, der rannte ihr nach und ich auch und alle die ich
kannte und alle die sich kannten – rannten.


Ja, ist da noch für jemand Platz im Gepäck?
In der Handtasche in der alten nicht, nein, die haben wir weggewor-
fen und eine neue, eine schöne und teue-
re können wir uns noch nicht kaufen
und laufen und laufen, ein Jahr lang bin ich und zwei
mit Büchern im Sack zu lesen, Vorlesen grad über das,
über dieses Gefühl beim Rennen, in dieser so neuen Zeit
eines Tages in Köln angekommen und müde – ich will ja nach Hause...

Poem für Jakob Wassermann