Irina Liebmann

Und grüß mich nicht unter den Linden

(Vortragszeit, 12 Minuten)

Textprobe:

Seit dem siebzehnten Juni ist wieder Bewegung, seit
Die Truppen abziehen gehen
Wir selber herum in der Stadt so wie
in der Neunten-November-Nacht
Als sich alles geändert hat. Morgens Siegesallee, wo
Die Amerikaner Franzosen und Briten
Zum Abschied marschieren, die Russen nicht, die werden
Am Abend singen im Lustgarten Unter den Linden.
Und wir laufen am Hackeschen Markt vorbei, an der Börse, die‘s
Gar nicht mehr gibt, im Lustgarten sind die Linden
Klein, aber blühen,
Sie blühen schon.

Das Schloss aus Plastikfolie sperrt
Den Blick nach Süden ab
Paar Regentropfen fallen und die kleinen
Linden halten den Regen nicht ab.
Das Alte Museum ist verstellt von einem Bühnenkasten,
aus Stoff und Stangen, die alles versperrn, sogar die Adler, die
täglich sonst dort auf dem Dache sitzen.
Die achtzehn grossen Adler aus Stein sind für heute verschwunden
Dafür
Steht rechts und links von dem Bühnenkasten ein
Gewaltiges Telefon. Es ist auf Stoff gemalt und in jedem leuchtet
Ein Bildschirm, darin laufen Filme über es selbst, also über
Ein tragbares Telefon.

Und grüß mich nicht unter den Linden